Verwendete Mörike-Gedichte im Programm ‘Ein Stündlein wohl vor Tag’ von Peregrina:

Frage und Antwort   Jung Volkers Lied   Ein Stündlein wohl vor Tag   Die Tochter der Heide   Peregrina V   Verborgenheit   Gebet   Am Waldsaum   Die Visite   Früh im Wagen   Der Feuerreiter   Gesang Weylas   Die Geister von Mummelsee     Denk es o Seele!   Nimmersatte Liebe   Um Mitternacht

Frage und Antwort

Fragst Du mich, woher die bange
Liebe mir zum Herzen kam
Und warum ich ihr nicht lange
Schon den bittern Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle
Wohl der Wind die Flügel rührt
Und woher die süße Quelle
Die verborgnen Wasser führt?

Banne du auf seiner Fährte
Mir den Wind im vollem Lauf!
Halte mit der Zaubergerte
Du die süße Quelle auf!

 

Jung Volkers Lied

Und die mich trug im Mutterleib
Und die mich schwang im Kissen
Die war ein schön frech braunes Weib,
Wollt nichts vom Mannsvolk wissen

Sie scherzte nur und lachte laut
Und ließ die Freier stehen:
Möcht lieber sein des Windes Braut,
Denn in die Ehe gehen!

Da kam der Wind, da nahm der Wind
Als Buhle sie gefangen:
Von dem hat sie ein lustig Kind
In ihrem Schoß empfangen.

 

Ein Stündlein wohl vor Tag

Derweil ich schlafen lag,
Ein Stündlein wohl vor Tag,
Sang vor dem Fenster auf dem Baum
Ein Schwälblein mir, ich hört es kaum,
Ein Stündlein wohl vor Tag:

"Hör an, was ich dir sag,
Dein Schätzlein ich verklag:
Derweil ich dieses singen tu,
Herzt er ein Lieb in guter Ruh,
Ein Stündlein wohl vor Tag.

"O weh! nichts weiter sag!
O still! nichts hören mag!
Flieg ab, flieg ab von meinem Baum!
Ach, Lieb und Treu ist wie ein Traum
Ein Stündlein wohl vor Tag.

 

Die Tochter der Heide

Wasch dich mein Schwesterchen, wasch dich!            
Zu Robins Hochzeit gehn wir heut:                     
Er hat die stolze Ruth gefreit.                       
Wir kommen ungebeten;                               
Wir schmausen nicht, wir tanzen nicht,                  
Und nicht mit lachendem Gesicht                       
Komm ich vor ihn zu treten.                         

Stähl dich mein Schwesterchen, stähl dich!
Wir wollen ihm singen ein RätselLied,
Wir wollen ihm klingen ein böses Lied;
Die Ohren sollen ihm gellen.
Ich will ihr schenken einen Kranz
Von Nesseln und von Dornen ganz:
Damit fährt sie zur Hölle!

Schick dich, mein Schwesterchen, schmück dich!
Derweil sie alle sind beim Schmaus,
Soll rot in Flammen stehn das Haus,
Die Gäste schreien und rennen.
Zwei sollen sitzen unverwandt,
Zwei hat ein Sprüchlein festgebannt;
Zu Kohle müssen sie brennen.

Lustig, mein Schwesterchen, lustig!
Das war ein alter Ammensang.
Den falschen Rob vergaß ich lang.
Er soll mich sehen lachen!
Hab ich doch einen andern Schatz,
Der mit mir tanzet auf dem Platz
Sie werden Augen machen!

 

Peregrina V

Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nichts mehr, wo es ruht,
Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.

Ach, Peregrinen hab ich so gefunden!
Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut,
Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut,
Und wilde Kränze in das Haar gewunden.

Wars möglich, solche Schöhnheit zu verlassen?
So kehrt nur reizender das alte Glück!
O komm, in diese Arme dich zu fassen!

Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick?
Sie küßt mich zwischen Lieben noch und Hassen,
Sie kehrt sich ab, und kehrt mir nie zurück.

 

Verborgenheit

Laß. o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traure weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht

Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.

Laß. o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

 

Gebet

Herr! schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

 

Am Waldsaum 

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
Im friedvollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst dächten,
Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts gedrängte Kränze flechten
Sich wie von selber unter meinen Händen,
Indes die Augen in der Ferne weiden.

 

Die Visite

Philister kommen angezogen:             
Man sucht im Garten mich und Haus;      
Doch war der Vogel ausgeflogen,         
Zu dem geliebten Wald hinaus.           
Sie kommen, mich auch da zu stören:
Es ruft und ruft im Widerhall
Gleich laß ich mich als Kuckuck hören,
Bin nirgens und bin überall.

So führt ich sie, nur wie im Traume,
Als Puck im ganzen Wald herum;
Ich pfiff und sang von jedem Baume,
Sie sahn sich fast die Hälse krumm.
Nun schalten sie: Verfluchte Possen!
Der Sonderling! der Grobian!
Da komm ich grunzend angeschossen,
Ein Eber, mit gefletschtem Zahn.

Mit Schrein, als wenn der Boden brennte,
Zerstob ein Teil im wilden Lauf,
Die andern kletterten behende
Den nächsten besten Baum hinauf;
Sie krochen weislich bis zum Gipfel
Und sahen nicht einmal zurück,
Doch ich als Eichhorn saß im Wipfel,
Ich grüße sie und wünsche Glück.

"Ei, welch ein allerliebstes Späßchen!
Gott grüß Sie, schöne Fraun und Herrn!
Sie kommen, hoff ich, auf ein Täßchen
Eichelkaffee? Von Herzen gern!"
Allein sie fanden's nicht gemütlich
In dieser ungewohnten Höh.
So schieden wir für heute gütlich;
Doch wehe meinem Renommee!

 

Früh im Wagen

Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;

Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:

So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.

Dein blaues Auge steht,
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht
Dein Flüßtern mich noch hier.

An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.

Die Sonne kommt. Sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von dem Berge streicht
Ein Schauer auf mich zu.

 

Das verlassene Mägdlein

Früh, wann die Hähne krähn,
Eh die Sternlein (ver)schwinden,
Muß ich am Herde stehn,
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flamme Schein,
Es springen die Funken;
Ich schaue so darein,
In Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir,
Treuloser Knabe,
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder;
So kommt der Tag heran
o ging er wieder!

 

Der Feuerreiter

Sehet ihr am Fensterlein                    
Dort die rote Mütze wieder?               
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle              
Bei der Brücke, nach dem Feld!            
Horch! das Feuerglöckchen gellt:          
   Hinterm Berg,                         
   Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle                          

Schaut! da sprengt er wütend schier
Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Tier
Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle
Rennt er schon und ist am Ort!
Drüben schallt es fort und fort:
   Hinterm Berg,
   Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle

Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen,
Mit des heilgen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen
Weh! dir grinst vom Dachgestühle
Dort der Feind im Höllenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
   Hinterm Berg,
   Hinterm Berg
Rast er in der Mühle

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
Volk und Wagen im Gewühle
Kehren heim von all dem Graus;
Auch das Glöckchen klinget aus:
   Hinterm Berg,
   Hinterm Berg
Brennt's

Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe samt der Mütze
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern Mähre sitzen:
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt die Asche ab.
   Ruhe wohl,
   Ruhe wohl                          
Drunten in der Mühle

 

Gesang Weylas 

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wangen feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

 

Die Geister vom Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät    
Mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
         O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das was du da siehest ist Totengeleit,
Und was du da hörest sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
Sie bringen ihn wieder getragen.
         O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal
Sie haben den See schon betreten
Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal
Sie schwirren in leisen Gebeten
         O schau,
Am Sarg die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
Gib acht nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
Und  drunten schon summen die Lieder.
         Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
Es geistern die Nebel am Ufer dahin,
Zum Meere verzieht sich der Weiher
         Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
         Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon.

 

Denk es, o Seele!

Ein Tännlein grünet wo,                       
Wer weiß, im Walde,                           
Ein Rosenstrauch, wer sagt,                 
In welchem Garten?                          
Sie sind erlesen schon,                       
Denk es, o Seele,                             
Auf deinem Grab zu wurzeln                    
Und zu wacksen.                               

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

 

Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr;
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küßten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh',
Wie's Lämmlein unter'm Messer;
Ihr Auge bat: "Nur immer zu,
Je weher desto besser!"

So ist die Lieb', und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.

 

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht an's Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, in's Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd';
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleich geschwung'nes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

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